Reiki: Energie senden und empfangen oder Energie sein?

In der westlichen wie in der östlichen Reiki-Szene wird davon ausgegangen, dass es den Menschen in seiner Körperlichkeit gibt, dass aber diese Körperlichkeit durch Reikianwendungen oder Reikieinweihungen beeinflussbar sei. Als Reiki-Praktizierender oder Lehrender gibt man also – diesem Weltbild zufolge – Reiki auf eine bestimmte Körperpartie bei sich selbst oder einem anderen Menschen und wartet die Resultate ab, die sich sofort oder später einstellen mögen. Die meisten Menschen erwarten heutzutage, bei einer Reikibehandlung oder Einweihung müsse es “kribbeln” oder sonst wie ein Beweis für das Vorhandensein eines Energieflusses erbracht werden. Damit sind wir heute nicht weiter als Thomas, der vor 2.000 Jahren von Jesus verlangt haben soll, ihm seine Wundmale zu zeigen, da er nicht glauben wollte, dass er tatsächlich auferstanden sein könnte. Thomas war also, wie der hier beschriebene Reikiempfangende davon überzeugt, seine Sinne könnten ihm die Realität zeigen.

Die moderne Quantenphysik belegt, dass dem nicht so ist, dass unsere Sinne uns täuschen, dass wir Dinge wahrnehmen, weil wir sie sehen wollen, dass wir sie nicht sehen, weil sie uns zu viel Angst machen würden usw. Jesus soll davon gesprochen haben, dass er – wo zwei oder mehr in seinem Namen versammelt seien – mitten unter ihnen sei, was schlicht bedeutet, dass zwei Menschen, die das selbe glauben, in dem Moment eine gemeinsame Erfahrung des Einklangs machen. So lange aber nach Beweisen und Erfahrungen gesucht wird, ist noch keine Bewusstheit vorhanden. So lange ich mich selbst nicht kenne, ist der Glaube blind. Und wozu das führt, sieht man sowohl an den Kriegen, die das Christentum hervorgebracht hat, als auch an den Jahrzehnte lang währenden  Streits und Zwistigkeiten unter den Reikilehrern und Reikischulen.

Da Usui Mikao Sensei ein erleuchteter Mann gewesen sein dürfte, waren diese Energiespielereien für ihn in seinem Unterricht sicher nur esoterischer Kindergarten, so dass seine Bemühungen dem gewidmet waren, seine Freunde und Schüler zu einer neuen Wahrnehmung zu bewegen: Zur Wahrnehmung dessen, was wirklich ist. Da Japan eine Kultur der stufenweisen Erleuchtung pflegt, wurde auch der Weg des Reiki nach Usui in drei Stufen geteilt:

1. Reiki erleben

2. Mit Reiki arbeiten

3. Reiki sein

In dieser Abstufung zeigen sich drei grundlegende Ausprägungen menschlichen Handelns:

1. Haben

2. Tun

3. Sein

Nun geht die japanische Mentalität eher nach innen, während unsere westliche eher nach außen gerichtet ist. So wird aus diesem Weg der Stufen, die im japanischen Denken nach unten und innen führen, im an äußerem Status orientierten Westen ein Weg, der sich nach oben und außen über sein bisheriges Leben und seine Mitmenschen erheben will, was zu erheblichen Komplikationen in der Praxis führt.

Im ersten Grad Shoden (jap. “erste Lehre” oder “erstes Wissen”) wird also das bisherige Weltbild der einzuweihenden Person noch nicht wirklich in Frage gestellt. Es scheint eher so auszusehen, dass dem “ich”ein göttliches oder energetisches Werkzeug an die Hand gegeben würde, das er von nun an habe oder besitze, das ihm also auch nicht mehr verloren gehen könne. Dies hat den Vorteil, dass die einzuweihende Person Vertrauen in Reiki gewinnt und den Nachteil, dass ihr entgeht, dass sie niemals getrennt davon gewesen ist. Ein fundamentales Problem – das leider oft auf diesem Weg auftritt ist, dass Reiki nicht als der große Schatz gesehen wird, der es ist, sondern das weitgehend unbewusste “ich” versucht, sich diese grenzenlos intelligente Energie untertan zu machen … der erste Irrtum heißt also “ich”, der Heiler …

Im zweiten Grad Okuden (jap. “innere Lehre” oder “vertieftes Wissen”) geht es nun darum, den Besitz auch anzuwenden. Die eigentliche Bedeutung dieses Grades ist, dass Blockaden beseitigt werden sollen, die den Menschen davon abgehalten haben, seine wahre Natur zu erkennen. Hier kommt also das Tun ins Spiel.  Wenn Reiki zuvor demütig als der große Schatz anerkannt worden ist, findet hier leichten Herzens eine Reinigung statt, die bis in tiefste karmische Verstrickungen hinein reicht. Wenn aber nach wie vor das “ich” im Spiel ist, das meint, durch Reiki etwas besonderes zu sein, dann entstehen Auswüchse wie der magische Missbrauch der Reikisymbole für persönliche niedere Ziele, was sich in der neuen Identifikation äußert: “ich”, der Magier …

Der dritte Grad Shinpiden (jap. “geheimes Wissen” oder geheimnisvolle Lehre”) des Reiki nach Usui diente ursprünglich dazu, die Erleuchtung zu verwirklichen, also unmittelbar zu erfahren, dass ich nicht getrennt von Reiki bin, dass ich das große goldene Leuchten bin, das mir im Zeichen des dritten Grades symbolhaft gezeigt wird.  Im spirituellen Materialismus der “ich”-Identifikation wird daraus dann das Zerrbild des “Reiki-Meisters”, was nichts anderes ist als ein mit Projektionen aufgeladenes Super-Ego, das sich einbildet, nun über anderen Menschen zu stehen, was letztlich nur beweist, dass hier keine Erleuchtung stattgefunden hat … Diese ganzen Fantasien, als “Reiki-Meister” könne man nun stärkere Reiki-Energie aufrufen und senden, oder das Symbol des dritten Grades ersetze die des zweiten zeigt einfach nur, wie wenig echte Verwirklichung bis dahin geschehen ist. Alles scheint nur noch laut, starr und äußerlich … und schon sind wir beim Kulminationspunkt des spirituellen Egos angelangt: “ich”, der Meister …

Mir scheint daher aus eigener Erfahrung wichtig, dass wir uns dem Mysterium des Reiki und dem Mysterium, das wir “ich” nennen, gleichzeitig nähern. Dies geht, indem wir still werden, Reiki als Impuls erfahren, uns unserer eigenen wahren Natur bewusst zu werden. So können wir staunend erfahren, dass das was die alten Weisen und die Quantenphysik übereinstimmend sagen, sich in uns selbst manifestiert und verwirklicht: Wir sind Bewusstsein, das sich in energetischen Zuständen und Formen erfährt und jeden Augenblick neu erschafft … auf diese Weise kann Reiki ein Weg der Befreiung sein,  kein Statussymbol des spirituellen Materialismus, sondern ein Weg des erwachten Lebens … und diesen Weg üben wir in der Reikifreundschaft, wo die östlichen und die westlichen Wege des Reiki nach Usui friedlich Hand in Hand gehen. Auf diesem Weg kann die Erfahrung immer tiefer werden, dass wir Reiki in letzter Konsequenz nicht besitzen sondern nur sein können …

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7 Gedanken zu “Reiki: Energie senden und empfangen oder Energie sein?

  1. Pingback: Usui Reiki versus Kundalini Reiki - lebendiges Wasser trifft heiliges Feuer! | Reiki-Blog - Reikifreundschaft

  2. Hallo Alexander,

    du triffst mit deiner Aussage den Nagel auf den Kopf……..so und nicht anders sollte es sein………eine wahrhaftige Erkenntnis………mögen viele Mensche diese für sich auch so empfinden………..die große Göttin behüte dich und deine Lieben.

    Grüßele Marion

  3. Hallo liebe Marion,
    danke für Deine Ruckmeldung, Deine Segenswünsche und die Chance, weiter zu reingen!
    Nach meiner Erfahrung wird über Reiki leider so viel geschrieben, das wiederum nur von anderen Autoren abgeschrieben ist, so dass es mir einfach wichtig ist, aus der eigenen Praxis entstehende Gedanken aufzuschreiben und mit Euch zu teilen! Wenn diese Resonanz in Dir haben und sich so vertiefen und in den Herzen der Menschen verbreiten können, freue ich mich darüber …
    Dir weiterhin viel Freude mit der Reikifreundschaft!
    Alles (IST) Liebe,
    Alexander :-)

  4. Pingback: Die Bedeutung der Reikigrade | Steinkraut

  5. Liebe Katrin :)

    danke für Deine Rückmeldung, den Pingback und für die Chance, weiter zu reinigen. Dein Reikiblog wirkt liebevoll und mit persönlicher Note gestaltet. Viel Erfolg weiterhin!

    Alles (IST) Liebe,

    Alexander Gottwald

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